»F***in‘ Bahn« oder die beste Unterhaltung seit Langem

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Vergangenen Dienstag bin ich in einem Ersatz-ICE von Hamburg nach Berlin gefahren. Eine kurze Notiz dazu habe ich geschrieben und @DB_Bahn einen Tweet gesendet, der allerdings unbeantwortet blieb.

Chaotische Kommunikation am Bahnsteig, ein viel zu kurzer Ersatzzug, zu viele und für volle ICEs zu große Gepäckstücke, all das lies mir mein morgendlich entspanntes Lächeln im Gesicht gefrieren.

Eigentlich hätte die Fahrt ziemlich ärgerlich verlaufen müssen. Knapp 2 Stunden vor irgendeiner Zugtoilette stehend, das war keine tolle Aussicht. Also habe ich mich geduldig durch die Wagen bewegt und nach einem freien Sitzplatz gesucht.

Mitleidige Blicke von den bereits besetzten Plätzen und argwöhnische von den in den Gängen stehenden Leidgenossen begleiteten mich, bis ich tatsächlich einen freien Platz entdeckte. Am Fenster saß ein älterer Mann, der angestrengt nach draußen sah und den ich fragte, ob der Platz neben ihm frei sei.

Erst als ich ihm die Frage gestellt hatte, bemerkte ich, daß er seinen Koffer in den freien Platz zwischen dem Sitz des Vordermanns und seinem Sitz gestellt hatte. Unsere Blicke trafen sich nur kurz und ich hörte so etwas wie »go ahead«.

Daraufhin habe ich ihn auf Englisch gefragt, ob er seinen Koffer einige Meter nach vorne stellen könne, ich würde ihm auch gerne helfen. Nach einigem Gemurmel mit den Wortfetzen »fuckin‘ late train« oder »fuckin‘ Bahn« saßen wir schließlich nebeneinander und schwiegen uns angestrengt an.

Obwohl ich sonst eher gerne Musik höre, mir einen Film ansehe oder einfach nur schreibe, wollte ich diesem Schweigen nicht das letzte Wort überlassen und überwand mich, ihn zu fragen, woher er denn komme.

Daraufhin entwickelte sich für die nächsten 90 Minuten eine sehr anregende und angenehme Unterhaltung. Mein unfreiwilliger Reisebegleiter – Phil, wie ich erst am Ende der Fahrt erfuhr – war in New York geboren, lebte aber schon seit ungefähr 40 Jahren in Los Angeles.

Ich habe ihm von meiner Zeit in Columbia/Missouri erzählt und dem Leben dort »in the middle of nowhere«. Das hat sicherlich geholfen, das Eis zu brechen. Er hat mir einiges zu den deutschen Einwanderern erzählt, die sich im vorletzten Jahrhundert dort niedergelassen hatten.

Über meine Arbeit kamen wir auf seine zu sprechen. Phil hatte als Anwalt gearbeitet und war vor einigen Jahren in den vorzeitigen Ruhestand gegangen. Seine Arbeit hat er, wie er mir sagte, nicht gemocht. Sie war nötig, um Geld zu verdienen, ja – aber irgendwie hätte er gerne etwas anderes gemacht.

Noch war unser Gespräch nicht so persönlich, dass ich mich traute, ihn nach seinem eigentlichen Berufswunsch zu fragen. Jetzt, im Alter von 59 Jahren, reise er oft, erzählte mir z.B. von Aufenthalten in Russland und Vietnam.

Phil ist – wie ich in meinem eingerostetem Englisch bemerkte – wohl so etwas wie ein political traveller. Ja, das sei zutreffend, so war er an vielen Heimatorten amerikanischer Präsidenten und hatte dort lokale Museen besucht, um etwas über sie zu erfahren.

Er kannte sich in der internationalen Politik gut aus, auch wenn er von den diversen Staatsmännern nicht viel hielt, allen voran von Präsident Obama. Phil ist Republikaner, hat Reagan verehrt und ihm sogar einmal die Hand geschüttelt.

Als Reagan starb, hat er sieben Stunden in einer Schlange gestanden, um ihn noch einmal aufgebahrt zu sehen und die letzte Ehre zu erweisen.

Von Reagan kamen wir zu Thatcher und schließlich zu Merkel, der deutschen Politik und der bevorstehenden Wahl. Als ich ihm sagte, dass ich als Journalist arbeite, kam er schließlich auf seinen eigentlichen Berufswunsch zu sprechen. Ja, als Journalist reisend über Verschiedenes zu berichten, das wäre schön gewesen.

Immerhin würde er jetzt reisen.

Meine Einschränkung, dass ich als Redakteur immer in einer Redaktionen an einem Ort gearbeitet habe, hat er höflich ignorierend anerkannt.

Als ich in Berlin aussteigen musste, hat er mir sehr ehrlich und direkt gesagt, dass es seit langem seine schönste Zugfahrt gewesen sei. Ich habe mich bedankt und ihm noch eine schöne Zeit in Deutschland gewünscht, sein Ziel Leipzig lag noch zwei Stunden entfernt.

Erst als ich ausgestiegen war, wurde mir klar, dass an dieser Begegnung, dieser anregenden Unterhaltung, irgendwie auch die chaotische Situation der Bahn, wenn nicht ausschließlich, so doch immerhin einen fördernden Einfluss gehabt hatte.

Und da war es wieder, das morgendlich entspannte Lächeln auf meinem Gesicht – und die Erinnerung an seine Äußerungen: »fuckin‘ late train…«